Geld spielt (k)eine Rolle: IT-Trainings verhindern Lust auf Digitalisierung

IT-Trainings werden stiefmütterlich behandelt. Scheinbar ist sich keiner der Beteilitgten darüber im Klaren, welcher Schaden und welche Folgekosten entstehen können. Gleichzeitig wird nicht verstanden, dass Lust auf Digitalisierung und Innovationen auch in Trainings entstehen oder gefördert werden kann.

Vor wenigen Tagen erhielt ich eine Anfrage für ein Training zum Thema Office 365. Es handelt sich um ein individuelles Training für die Mitarbeiter eines Unternehmens, welches den Weg in die Cloud wagt und diese einführt. Das Training soll in englischer Sprache durchgeführt werden und 4 Stunden dauern. Die Inhalte hat der Kunde bereits zusammengestellt und auch Teilnehmerunterlagen werden erwartet.

Es handelt sich um die Anfrage eines großen Trainingsanbieters, der mehrere hundert Trainings im Angebot hat. Trainings, die er meist von eingekauften Externen durchführen lässt.

Nachdem die Anfrage bezüglich der Inhalte, der Sprache sowie dem Termin abgeklärt ist, stelle ich die Frage nach dem Honorar. Und jetzt wird es interessant. Denn auch dieser Trainingsanbieter ist lediglich Vermittler und lädt all‘ das fachliche Know-how auf externe Spezialisten ab. Die wiederum sehen ein solches Training häufig als Akquise-Plattform an und vernachlässigen ihre Kalkulation.

Ich habe viele solcher IT-Trainer gesehen. Habe an vielen IT-Trainings teilgenommen, die oftmals den Tatbestand der Körperverletzung erfüllten.. Wen wundert es, wenn die Trainingsanbieter und leider auch oftmals die durchführenden Trainer gar nicht wissen, wie ein gutes IT-Training vorbereitet und durchgeführt wird?

Es ist ein großzügiges Angebot, das man mir macht, schließlich dauert das Training nur 4 Stunden: 480 Euro inklusive der Reisekosten entspricht einem Stundensatz von 120 Euro. Die Vorbereitung wird nicht bezahlt. Schließlich habe ich bereits das fachliche Know-how, lautet die Antwort auf mein Warum.

Aufwand für ein Training als Grundlage für eine solide Kalkulation

Ich sah mich gezwungen, der anfragenden Dame meine Kalkulation offenzulegen. Dazu habe ich eine standardisierte Vorlage erstellt, mit der ich, auch innerhalb von Projekten, den Aufwand für ein Training kalkuliere. Und diese ergibt in der Summe die folgenden Aufwände:

  • Auftragsklärung: 21,5 Stunden
  • Durchführung: 6 Stunden
  • Nachbereitung: 1 Stunde
  • Verwaltung: 2,5 Stunden
  • Gesamt: 31 Stunden

Berechnen wir die geleistete Stunde mit 120 Euro, dann kostet die Entwicklung des Trainings 2.580 Euro, jede Durchführung 720 Euro plus ein einmaliger Verwaltungsaufwand in Höhe von 300 Euro. Die Gesamtkosten bei einmaliger Durchführung betragen also in der Summe 3600 Euro.

Was kostet ein verunglücktes Training?

Ich höre Sie schon sagen: „Das ist ja viel zu teuer. Das kann ja kein Unternehmen bezahlen. Ist doch nur eine Standardsoftware.“ Wenn das Ihre Meinung ist, dann sollten Sie ein Standard-Training (am Besten) beim Hersteller einkaufen. In diesem Falle will man das jedoch nicht, weil dann jeder einzelne Mitarbeiter mehrere Tage Training hätte besuchen müssen. Ganz bewusst entscheidet man sich jedoch für ein massgeschneidertes Training auf der eigenen, meist angepassten Software-Umgebung mit Inhalten, die man für wichtig erachtet. Das kann kein Trainer aus dem Hut zaubern, sondern muss sich darauf individuell vorbereiten.

Deshalb lohnt es sich, auszurechnen, wie hoch der rechnerische Schaden für den Auftraggeber ist, wenn der Trainer das Seminar in den Sand setzt. Dazu müssen wir nur die 12 Teilnehmer, die vorgesehen waren, mit den 4 Stunden Aufwand und einem kalkulierten Stundensatz von 85 Euro annehmen. Dies entspricht einem rechnerischen Kostenaufwand für die Teilnehmer des Seminars in Höhe von 4080 Euro. Die Kosten für den Raum sowie die Bewirtung bleiben unberücksichtigt. Genauso, wie die Einbußen bei der Motivation und den erhöhten Aufwand, den die Teilnehmer anschließend haben.

Fehlende Wertschätzung für IT-Trainings

Schon lange beobachte ich den Preisverfall bei den IT-Trainings. Dieser lässt mich mit Verwunderung zurück. Gehört nicht das Thema Digitalisierung zu den wichtigsten Innovationsthemen und steht auf der Agenda von jedem Unternehmenslenker? Digitalisierung setzt voraus, dass Mitarbeiter eine digitale Kompetenz haben. Die wiederum wird auch in einem IT-Training vermittelt, wie ich es hier beispielhaft dargestellt habe. Schließlich geht es darum, dass die Mitarbeiter verstehen, wie die IT-Anwendungen, auch die cloud-basierten, funktionieren und welche Erwartungen und Strategien damit verbunden sind. Sie sollen motiviert werden und Spaß entwickeln können, an dem Fortschritt, der von neuen IT-Anwendungen ausgehen soll. Auch, wenn nicht alles immer reibungslos läuft, was ja leider häufig genug der Fall ist.

Ein gutes Training fällt nicht vom Himmel

Das gleiche Unternehmen ist es gewohnt, für einen Vertriebstrainer, einen Rhetoriktrainer oder einen Trainer für Teambildung und Motivation 3000+ Euro zu bezahlen, zzgl. der Reisekosten wohlgemerkt. Alles Trainings, die von der Vorbereitung genauso wie von der Durchführung her, um ein Vielfaches einfacher sind.

Liegt es vielleicht daran, dass es zu viele IT-Trainer gibt? Dass, jeder, der weiß, wie etwas funktioniert, sich auch als IT-Trainer anbietet? Auch das kann ich kaum glauben, schließlich ist auch der Markt der IT-Berater eher knapp bemessen und schon heute finden Unternehmen kaum noch Ihre Wunsch-Berater. Diese Knappheit lässt sich 1:1 auf den Markt der IT-Trainer übertragen.

Digitalisierung fängt bei den Mitarbeitern an

IT-Trainings werden unterschätzt – von Anbietern, trainierenden Beratern genauso wie von den Kunden, vom Aufwand genauso wie vom Ergebnis her. Solange sich hier nichts ändert, werden wir beim Thema Digitalisierung keine wesentlichen Fortschritte machen, jedenfalls nicht die, die wir machen müssten, um unseren Rückstand wieder aufzuholen. Denn erst, wenn die Mitarbeiter in den Unternehmen Lust auf mehr IT und digitales Arbeiten haben, werden die Ideen sprießen, werden immer mehr Prozesse mithilfe moderner Technologie vereinfacht werden. In der Folge werden Innovationen entstehen können, aus denen sich neue Geschäftsfelder und Marktvorteile entwickeln. Das ist nichts, was ein Vorstand verordnen kann oder was mithilfe von Startup-Brutkästen entstehen kann. Digitalisierung ist ein zartes Pflänzchen das umsorgt werden will, damit es groß und stark wird und sich vermehrt. Es reicht nicht aus, den Acker vorzubereiten, sich einen Maschinenpark hinzustellen und guten Samen zu kaufen. Es braucht auch Wasser und Sonne, damit am Ende eine gute Ernte eingefahren werden kann.

Billig ist einfach viel zu teuer

Deshalb möchte ich an alle Einkäufer von IT-Trainings appellieren, sich an den Tages- und Stundensätzen von klassischen Trainern zu orientieren. Hier hat der BDVT e. V. (www.bdvt.de) eine Honorarempfehlung entwickelt, die als Basis zur Preisfindung und Kalkulation dienen sollte. Im Gegenzug sollten Sie auch darauf bestehen, dass Trainer, die bei Ihnen eingesetzt werden, eine professionelle Trainerausbildung vorweisen. Hier kann die Trainerausbildung des BDVT als Maßstab für die Anforderungen an IT-Trainer dienen (siehe auch mein Blog-Artikel Der ideale IT-Trainer).

Verspielen Sie nicht leichtfertig die Zukunft der Digitalisierung, weil sich auf dem Papier ein bisschen Geld sparen lässt. Vom Geldsparen ist noch niemand reich geworden und Unternehmen nicht besser und zukunftsfähig geworden.

 

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